Zocker 1999

Kannte Kant Bridge?

Hier ist er wieder, der Zocker. Wir verzichten an dieser Stelle auf eine globale Begrüßungsansprache an alle Campteilnehmer, weil wir uns nicht – wie bei Politikern üblich – bei jedem Leser für sein Wohlwollen bedanken möchten und weil beim Individualturnier der Kennenlern- und Begrüßungsprozess schon anfing.

Was gibt man sich auf Rieneck normalerweise? Richtig, die Kante. Was tut man auf Rieneck? Bridge spielen. Was braucht man dazu? Logik, Vernunft, Vorstellungsvermögen, eine scharfe Wahrnehmung, u.s.w.. Der Begriff Kante taucht in unserer Umgangssprache noch in einer anderen Bedeutung auf: eine Kante ans Bein labern. Auch dies passiert in Rieneck häufig und regelmäßig. Da Kante offensichtlich ein Schlüsselbegriff des Camps ist, liegt die Vermutung nahe, dass auch Kant mit dem Geiste des Camps etwas zu tun hat. Geben wir ihm eine Chance:

Auf welche Art und Weise und durch welche Mittel sich auch immer eine Erkenntnis auf Gegenstände beziehen mag, so ist doch diejenige, wodurch sie sich auf dieselbe unmittelbar bezieht, und worauf alles Denken als Mittel abzweckt, die Anschauung. Diese findet aber nur statt, sofern uns der Gegenstand gegeben wird; dieses aber ist wiederum nur dadurch möglich, dass er das Gemüt auf gewisse Weise affiziere.

Erinnert man sich an mache Reizungen des Partners oder der Gegner, erkennt man spontan die geistige Verwandtschaft zu Kant. Es wird viel geredet (geboten); aber keiner versteht, was gemeint ist und worauf der andere hinaus will. Am Ende einigt man sich auf einen Begriff (Kontrakt), ohne zu wissen warum.
Erkenntnis durch Anschauung kommt uns bekannt vor: Ich schaue auf den Scorezettel und habe die Erkenntnis, dass der Partner dämlicher ist, als er aussieht. Das affiziert mein Gemüt aufs heftigste. Das uns der Gegenstand, bevor er uns affiziert, gegeben werden muss, ist klar. Wenn interessiert schon ein Haufen ungemischter und ungegebener Karten.

Die Fähigkeit, Vorstellungen durch die Art, wie wir von Gegenständen affiziert werden, zu bekommen, heißt Sinnlichkeit.

Das deckt sich mit unseren Erfahrungen. Spielen wir eine Hand geil ab, werden alle unsere Sinne angesprochen: Wir sehen die gute Anschrift, hören das Lob des Partners, riechen den verdunsteten Angstschweiß der Gegner, nippen genüsslich an einem Getränk und fühlen einen Zucken unter der Gürtellinie.

Die Wissenschaft von allen Prinzipien der Sinnlichkeit a priori, nenne ich die transzendentale Ästhetik.

Boa, ey! Was für ein Wort! Wie oft werden wir gescholten, dass wir nur zocken, saufen und …; und was entgegneten wir bisher? Nichts. Peinlich, würde ich sagen; die richtige Retourkutsche ist: „Wir betreiben transzendentale Ästhetik.“
Alle verstummen und nicken andächtig, um uns zu suggerieren, dass sie das eigentlich schon immer hätten sagen wollen. Aber wir durchschauen es: Sie haben gerade eine ihrer größten verbalen Niederlagen erlitten.

Frank Pioch, verfasst am: 4. August 1999

Kant war voll fett!

Ob er allerdings seine Bridgepartner per Kategorischem Imperativ wirklich so im Griff hatte, wie dieser geistige Lagi-Erguss unterstellt, mag der geneigte Leser selbst entscheiden.
Falls er dabei noch vertiefende Lektüre benötigt:
Zocker-Jahrgang 1999

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